Die leisen Erbstücke

Nicht alles, was wir tragen, haben wir selbst gepackt.

Manches wurde uns in die Hand gelegt, lange bevor wir verstanden haben, was wir da eigentlich tragen.
Eine bestimmte Art, auf die Welt zu schauen.
Die Gewohnheit, stark zu sein.
Die Vorsicht, lieber nichts zu sagen.

Das Bedürfnis, es allen recht zu machen.

Die Überzeugung, dass man alles allein schaffen muss.

Wir lernen solche Dinge selten durch Belehrung.

Wir lernen sie, indem wir leben.

Indem wir beobachten.

Indem wir spüren, wie die Menschen um uns herum mit Freude, Angst, Konflikten oder Verlusten umgehen.

So werden Familiengeschichten weitergegeben.

Nicht nur durch Worte.

Sondern durch Blicke.

Durch Schweigen.

Durch Stimmungen.

Durch das, was ausgesprochen wird – und manchmal noch mehr durch das, was nie gesagt werden durfte.

Viele dieser inneren Muster waren einmal hilfreich.
Sie haben Menschen durch schwere Zeiten getragen.
Sie haben geholfen zu überleben!

Sie haben Schutz gegeben, wo wenig Sicherheit vorhanden war.

Deshalb begegne ich ihnen ungern als Fehlern.

Wenn wir genauer hinschauen, entdecken wir oft etwas anderes:

Da ist nicht nur die Anspannung.
Da ist ein Teil, der aufpassen wollte.

Da ist nicht nur die Angst.
Da ist etwas, das schützen wollte.

Da ist nicht nur das Funktionieren.
Da ist eine alte Kraft, die dafür gesorgt hat, dass das Leben weiterging.

Vielleicht beginnt Heilung genau an diesem Punkt.
Nicht dort, wo wir gegen uns selbst kämpfen.

Sondern dort, wo wir neugierig werden.

Wo wir einen Moment innehalten.

Durchatmen.

Und uns fragen:

Was hat dieses Muster eigentlich einmal für mich getan?
Oft verändert sich in diesem Augenblick etwas.

Aus Ablehnung wird Verständnis.
Aus Kampf wird Kontakt.
Aus Anspannung wird ein wenig mehr Raum.

Die Vergangenheit verschwindet dadurch nicht.
Aber sie verliert ein Stück ihrer Schwere.

Und vielleicht erkennen wir nach und nach:

Wir sind nicht dazu bestimmt, die Geschichten unserer Familien zu wiederholen, aber wir müssen sie auch nicht verleugnen.

Wir dürfen würdigen, was war und
wir dürfen lernen, was uns geprägt hat.
Wir dürfen behutsam entscheiden, was wir weitertragen möchten.

Denn zwischen Herkunft und Zukunft gibt es einen Ort der Freiheit.

Und dieser Ort beginnt oft mit einem einfachen Moment:

Innehalten.

Durchatmen.

Spüren. 

Versuchs mal.